Gedanken zur Jahreslosung 2022
von Pfarrer Marcus Tesch - Pfarrer der Evangelischen Kirchen im Rheinland

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen (Johannes 6,37)

Nicht jeder Gast ist überall gern gesehen. Die Jahreslosung für 2022 sagt etwas anderes.

Ich stand in einem Kreis mit bestimmt 20 anderen Personen beim Abendmahl. Doch dieses Mal war etwas anders. Ich konnte regelrecht die Spannung fühlen in diesem Kreis. Erst recht, weil ich ja selbst schon mein zweites theologisches Examen abgelegt hatte. Und so kannte ich auch die Regeln, welche Menschen zur Feier des Abendmahls in der Evangelischen Kirche eingeladen sind: Sie müssen möglichst konfirmiert, aber auf jeden Fall getauft sein.

Aber an diesem Sonntag hatte sich in den Kreis beim Abendmahl die kurdische Familie aus dem Kirchenasyl eingereiht, ungetauft und natürlich erst recht nicht konfirmiert. Dafür aber an vielen Stellen aktiv integriert in die Gemeindearbeit und sich dessen bewusst, dass es jene Gemeinde war, die ihnen in ihrer persönlichen Notlage half. Und ich dachte nur: Gut, dass ich jetzt nicht in der Verantwortung stehe zu entscheiden, ob diese Familie nun das Brot und Traubensaft von mir erhält.

Jesus selbst lädt uns zu sich ein

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. So lautet die Jahreslosung für das Jahr 2022. Und heute, viele Jahre später und seit über 25 Jahren im Dienst der Kirche, wüsste ich, wie ich in dieser Situation handeln würde. Nicht, weil ich die Ordnungen unserer Kirche gering achten würde, sondern gerade, weil ich sie uneingeschränkt ernst nehmen würde. Denn nicht ich als Pfarrer, nicht die Gemeinde, zu der ich gehöre, ja nicht einmal die Kirche, in deren Dienst ich stehe, lädt zur Feier des Abendmahls ein, sondern Jesus selbst. Und er sagt: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

In meiner Kindheit und Jugend habe ich sehr viel Frömmigkeit erlebt, die sich um die Frage drehte: Wer gehört eigentlich zu Jesus? Und vor allem: Wer nicht? Das war manchmal sogar viel wichtiger. Und fast immer waren es Männer, Pastoren und Bibelausleger, die scharfe Grenzen zu ziehen wussten: Für sie war klar, wer zu Jesus gehörte und wer nicht.

Aber was sagt Jesus selbst? „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Ich muss an die Begegnungen von Jesus mit Menschen denken, die uns die Evangelien erzählen. Was für eine merkwürdige Gesellschaft, die Jesus offensichtlich anzog. So merkwürdig, dass andere sogar über ihn die Nase rümpften, frei nach dem Motto: Wenn er wirklich Gottes Sohn wäre, würde er sich mit solchen Leuten nicht abgeben.

Ich sehe in seiner Gesellschaft einen aufbrausenden und notorisch unbeständigen Simon Petrus. Ich sehe eine Maria Magdalena, die Jesus aus ihrer inneren Knechtschaft in die Freiheit führte. Ich sehe Zachäus, den reichen Betrüger, der sich nicht einmal traute, Jesus unter die Augen zu treten. Ich sehe die Frau am Brunnen, die auf der Suche nach der großen Liebe immer wieder an den Falschen geraten war. Und ich sehe viele andere, deren Namen uns die Tradition bewahrt hat. Ganz abgesehen von den vielen ungenannten und darum bis heute unbekannten Nachfolgerinnen und Nachfolgern Jesu aus seiner irdischen Zeit, die zu ihm kamen mit den Scherben und Bruchstücken ihres Lebens.

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Dieser Vers stellt uns eben genau diesen Jesus vor, dem es nicht darum geht, auszusortieren, wer zu ihm gehört und wer nicht. Wer die richtigen Formeln beim Beten und Sprechen von seinem Glauben benutzt und wer nicht. Wer zur vermeintlich richtigen Kirche gehört. Wer die richtigen theologischen Ansichten teilt. Wer sein Leben gut sortiert hat und wer nicht.

Die ersten Gemeinden zogen Menschen aus allen Schichten an

Es soll ja Gemeinden geben, die entwickeln eine erstaunliche Offenheit und eine herzliche Willkommenskultur. Gäste und Fremde fühlen sich auf Anhieb wohl. Denn sie treffen auf eine Gemeinschaft, die die Worte von Jesus auf den ersten Blick beherzigt. Aber haben sie sich erst einmal der Gemeinde angeschlossen, merken sie, dass plötzlich ein anderer Wind weht. Auf einmal gelten strenge Regeln. Regeln, die Äußerlichkeiten betreffen, die aber manchmal auch bis ins Intimste reichen. Dann wird plötzlich wichtig, dass du nichts Falsches anziehst, sagst, denkst oder tust. Dass du bloß nicht den Falschen liebst. Dass du nicht aus dem Rahmen fällst, weil du dein Leben nicht so auf die Reihe bekommst. Weil du keine Zeit hast, dich in dem Maße in der Gemeinde zu engagieren, wie das erwartet wird. Und vielleicht stellst du es auch daran fest, dass es in Predigten und Vorträgen sehr eng wird und es viel mehr darum geht, dich vor anderen zu warnen, als darum, dir den Weg in einen erfüllten, froh- und freimachenden Glauben zu zeigen. Dann kannst du das Gefühl bekommen, dass du es plötzlich mit einem ganz anderen Jesus zu tun hast. Einem, der sehr wohl und ganz genau darauf sieht, wer zu ihm kommt und wer nicht.

Dabei würde schon ein Blick in die Bibel reichen, um herauszufinden: Schon in den ersten Gemeinden, wurde die Einladung von Jesus ernst genommen. Paulus, einer, der dem auferstandenen Jesus begegnet ist, schreibt: „Es spielt keine Rolle mehr, ob ihr Juden seid oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen, Männer oder Frauen. Denn durch eure Verbindung mit Christus Jesus seid ihr alle wie ein Mensch geworden.“ (Galater 3,28). Die ersten Gemeinden zogen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an und in ihnen wurden deshalb die Grenzen überwunden, die Menschen einander auferlegen.

Jesus macht Menschen frei

Warum sieht es aber noch heute in vielen Gemeinden und Kirchen so anders aus? Warum spielen diese Fragen danach, wer dazugehört und wer nicht, immer noch so eine große Rolle? Darüber habe ich viel nachgedacht. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das wohl grundsätzlich eine menschliche Neigung ist und auch in anderen Bereichen vorkommt – was es aber nicht besser macht. Aber viel wichtiger scheint mir zu sein, dass viele Christinnen und Christen durch die Jahrhunderte hindurch erlebt haben: Wenn sie glauben, wird das von anderen oft nicht nur kritisch beäugt, sondern sie müssen damit rechnen, dass man sie ausgrenzt, ihnen vielleicht sogar Schaden zufügt, sie bedroht und schlimmstenfalls sogar tötet. In einer solchen Situation fühlt es sicherer an, wenn man klare Grenzen zieht und genau weiß, wer dazugehört und wer nicht.

Die Erinnerung daran, ich nenne sie manchmal die „Wagenburgmentalität“, hat sich tief in das Unterbewusstsein eingegraben. Sie reicht bis in solche Gesellschaften hinein, die Religionsfreiheit garantieren. Darum erlebt man tatsächlich hier und dort eine „Wir-hier-drinnen-gegen-die-da-draußen-Haltung“, in der klare Grenzen gezogen werden und jede Abweichung als Bedrohung wahrgenommen wird. Gegen eine solche Einigelung mussten übrigens sogar schon die Apostel anschreiben.

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. In diesem Wort begegnet mir aber ein anderer Jesus, der Jesus, den ich aus den Evangelien kenne. Der Jesus, der grundsätzlich ein Freund der Menschen ist. Der ihnen keine neuen Regeln auferlegen, sondern sie von quälenden Lasten befreien will. Der keine Unterschiede macht. Der die Menschen in die Weite und in die Freiheit führt. Der erfülltes und überfließendes Leben schenkt. Der barmherzig ist und jede und jeden unendlich liebt. Und ich wünschte mir, dass du diesen Jesus auch entdeckst, falls du ihn noch nicht kennst.

Quelle: jesus.de